Die Geschichte des Standortes Salzdahlumer Straße- das frühere Luftwaffenlazarett

Der Standort Salzdahlumer Straße wurde von den Nationalsozialisten als Luftwaffenlazarett gebaut. Die Eröffnung war 1940, geplant wurde der Komplex ab 1936.

Planung:

Seit 1936 steuerte die NS-Regierung verstärkt auf einen künftigen Krieg zu. Wehrmacht, Wirtschaft und Gesellschaft sollten bis spätestens 1940 „kriegsfähig“ gemacht werden. Die Planung eines Luftwaffenlazaretts in Braunschweig stand, ebenso wie die Ansiedlung weiterer militärischer Einrichtungen und der Ausbau rüstungsrelevanter Betriebe, in diesem Zusammenhang. Braunschweig entwickelte sich seit Mitte der dreißiger Jahre zum Rüstungszentrum.

Das Reichsluftfahrtministerium beauftragte den Architekten Hermann Distel, Lazarette für die Luftwaffe zu planen. Das in Braunschweig dafür benötigte Gelände wurde der Luftwaffe von der Stadt geschenkt. Da die Luftwaffe von der neuen Flugtechnik fasziniert war, sollte der Hauptgebäudekomplex des Lazaretts im Grundriss wie ein stilisiertes Flugzeug aussehen. Als Inspiration diente ein neuentwickeltes Flugzeug der Junkers Flugzeugwerke, die Ju 90. Ein viermotoriges Verkehrsflugzeug, mit dem verschiedene Weltrekorde aufgestellt wurden. Im „Rumpf des Flugzeuges“ sollten Funktionsräume wie Apotheke, Labor und Röntgen sowie die Augenabteilung eingerichtet werden, im „Schwanzteil“ die Operationssäle. Die großen Tragflächen mit den Motoren wurden als Bettentrakt gedacht. Als Nebengebäude sind Küche, Wäscherei, Heizhaus und Kapelle mit Leichenhalle zu finden. Ebenfalls wurden Wohnmöglichkeiten für das Personal auf dem Gelände zur Verfügung gestellt.
Da es sich um eine militärische Einrichtung handelte, lag der Schwerpunkt in der Behandlung von Verwundeten.

Bauphase 1937 - 1940

Eine intensive Bautätigkeit begann am 1. Juli 1937 auf der Großbaustelle. Viele Kleinbetriebe in Braunschweig erhielten Aufträge vom Luftwaffenbauamt. Ca. 300 Bauarbeiter wurden in einem Barackenlager an der Zufahrtsstraße zum Lazarett untergebracht.

Die Baukonstruktion erfolgte u. a. mit Eisenbeton, Elm-Kalkstein und roten Klinkersteinen. Nur beste Baumaterialien, z. B. Carrara-Mamor aus Italien, gelangten zum Einsatz. Bei der Ausstattung des Lazaretts sollte nicht gespart werden. Eine eigene und unabhängige Energie- und Wasserversorgung wurde für das Luftwaffenlazarett gebaut. Die Einrichtung des Luftwaffenlazaretts schritt trotz der Wintermonate zügig voran. Im März 1938 wurde dem Gebäude die Richtkrone aufgesetzt.
Nach dem Richtfest dauerte es noch ungefähr 2 Jahre, bis der Innenausbau abgeschlossen war und die Einrichtung erfolgte.

Einweihung 1940/41

Am 21. Oktober 1940 wurde das Luftwaffenlazarett eröffnet und zugleich die Reichskriegsflagge auf dem First gehisst. Der Vertreter der Bauleitung dankte allen, die an der Errichtung des „eindrucksvollen Baues“ gearbeitet hatten und überreichte den Schlüssel dem ersten Leiter des Lazarettes. Zahlreiche Ehrengäste formulierten Grußworte und Wünsche: „Das Luftwaffenlazarett Braunschweig als vorbildlichste und modernste Einrichtung möge“, so hieß es, „seinen Teil dazu beitragen, geschlagene Wunden zu heilen. Auf den Geist des Hauses käme es an.“
Am Eröffnungstag standen von den geplanten 400 Betten 350 zur Verfügung, die bis 1944 bereits auf 500 angewachsen waren. Zum Kriegsende hin gab es so viele Patienten, dass die Verwundeten teilweise auf den Fluren lagen.
Erst im Juli 1941 fand die offizielle Einweihung des Lazaretts durch Propagandaminister Joseph Goebbels statt. Sie wurde in den Zeitungen nicht erwähnt, um den alliierten Gegnern den Standort möglichst nicht mitzuteilen.

Medizinische Einrichtungen im Luftwaffenlazarett:

  • komplett ausgestatteter Operationsbereich
  • Röntgenabteilung
  • Behandlungszimmer und Laboratorien für:
  • innere Krankheiten
  • Chirurgie
  • Haut- und Geschlechtskrankheiten
  • Augenkrankheiten
  • Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten
  • Nerven- und Geisteskrankheiten
  • Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten
  • Sichtungsabteilung für fliegendes Personal
  • Abteilung für Frauen
  • Absonderungsbereich für Patienten mit ansteckenden Krankheiten
  • Heilbäderausstattung für Wasser-, Dampf- und elektrische Anwendungen

Behandlung und Pflege

Die eingesetzten DRK-Schwestern und -Schülerinnen wurden durch den Mobilmachungsbefehl über die Mutterhäuser eingezogen. Im Luftwaffenlazarett arbeiteten „Blau-Schwestern“, sie gehörten zum Mutterhaus Braunschweig. Ab 1944 wurden sie durch Luftwaffenhelferinnen unterstützt.
Auch von Kriegsgerichten zum Tode verurteilte „Selbstverstümmler“ der Wehrmacht wurden im Luftwaffenlazarett zunächst gesund gepflegt, bevor sie hingerichtet wurden. Sie lagen in einer eigenen Baracke mit vergitterten Fenstern, bewacht von einem Soldaten mit Maschinenpistole.

Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen

1939 wurden kriegsgefangene polnische Offiziere kurzfristig im Barackenlager untergebracht. Am 1. August 1943 wurde diese Baracke mit einem Arbeitskommando aus russischen kriegsgefangenen Soldaten belegt. Diese wurden im Haus als Installateure eingesetzt, unter Bewachung von Wachsoldaten des hiesigen Wachbataillons. In einer der Baracken waren ab 1943 ca. 20-25 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine untergebracht. Sie standen unter Aufsicht der DRK-Schwesternschaft und arbeiteten in verschiedenen Bereichen, u. a. als Küchenhilfe.
Eine dieser Frauen mit Namen Mironenko brachte im Juni 1943 im berüchtigten Entbindungsheim für „Ostarbeiterinnen“ in der Broitzemer Straße ihre Tochter Ludmilla zur Welt. Im Januar 1945 wurde Ludmilla aus dem Lager im Luftwaffenlazarett wieder in die Broitzemer Straße verbracht, wo sie, wie auch weitere Kleinkinder, unter dubiosen Umständen verstarb.

Luftangriff

Während des Krieges zeigte sich immer deutlicher, welche zerstörerische Wucht von Luftangriffen ausging. Um eigene Schutzvorkehrungen zu treffen, wurden schon in der Bauphase Kellerräume luftschutzsicher hergerichtet. Im Jahre 1942/1943 begannen zusätzliche Baumaßnahmen für den Luftschutz. Der gesamte Gebäudebestand sowie auch die Dächer wurden mit Tarnfarbe verdunkelt. In den frühen Nachtstunden des 17. Septembers 1944 warf ein englisches Kampfflugzeug Luftminen über dem Lazarett ab. Hierbei wurde der Westteil des Bettenhauses zerstört. Es starben 34 Menschen und 76 Personen wurden verletzt. Ein glücklicher Umstand verhinderte, dass es nicht noch mehr Tote gab. Wie durch ein Wunder überlebten 34 Schwesternschülerinnen, weil sie vor der verschlossenen Luftschutztür auf den Schlüssel warten mussten. Währenddessen wurde ihr Luftschutzkeller verschüttet. Als bei dem großen Angriff am 14./15. Oktober 1944 das alte Braunschweig weitgehend zerstört wurde, blieb das Luftwaffenlazarett verschont.

Endzeit und Neuanfang 1945 – 1960

Bei Kriegsende wurde das Luftwaffenlazarett von US-Streitkräfte eingenommen und nach der Kapitulation am 14. April 1945 an die Alliierten übergeben. Es hat dann bis zum 6. Mai 1948 zunächst den Amerikanern und später den Engländern als Militärhospital gedient. Nach 1948 verwaltete die Stadt Braunschweig sowohl das Luftwaffenlazarett als auch das Landeskrankenhaus in eigener Regie. 1963 wurde das Lazarett endgültig unter der Bezeichnung Krankenanstalt II der Stadt Braunschweig als Eigentum übergeben.


Die Festschrift "75 Jahre Salzdahlumer Straße" finden Sie hier als PDF-Datei!