Vom Pflegehaus und Armenhaus der Stadt Braunschweig zum städtischen Krankenhaus - das Klinikum Holwedestraße

Von Beate Hornack

Deutlich sichtbar befindet sich am Altbau des Krankenhauses in der Holwedestraße die Inschrift "Kinderheim"; weiter oben eine Jahreszahl und das Braunschweiger Stadtwappen: 1903 wurde dieses Haus als Kinderheim der Stadt Braunschweig errichtet und im Folgejahr eingeweiht.
Alteingesessene Braunschweiger werden sich darüber hinaus an ein langgestrecktes, altes Gebäude erinnern, das entlang der Holwedestraße dort stand, wo sich heute ein schmuckloser 1960er-Jahre-Bau mit Operationssälen, Funktions- und Verwaltungsräumen befindet: das 1959 abgerissene Pflegehaus, mit dem die Geschichte des Krankenhauses beginnt.

Missernten, Hungersnot, Landflucht seit Ende des 18. Jahrhunderts führten zum Bevölkerungswachstum in den Städten. Die Bevölkerung der Stadt Braunschweig wuchs und mit ihr die Zahl der Armen. Almosen und freiwillige Armenabgaben der wohlhabenden Bürger reichten nicht mehr aus; eine Armensteuer wurde eingeführt und Kosten sparendere Möglichkeiten der Armenfürsorge diskutiert: Die Armen sollten lernen, sich selbst zu versorgen.
Da die Armen nicht nur Verpflegung, sondern auch Unterkunft benötigten, wurde im von Wilhelm Bode geleiteten Magistrat der Antrag eingereicht, ein neues Armenhaus zu errichten, das vor allem Kinder aufnehmen sollte: "Nur durch kräftiges Einwirken auf die Erziehung und den Unterricht der Kinder, welche elternlos und doch von den Angehörigen vernachlässigt, zu einem untätigen, dem Gemeinwesen Gefahr drohenden Leben heranreifen, kann der fortschreitenden Verarmung entgegengewirkt werden."

Dieses städtische Pflegehaus wurde am 2. Oktober 1838 in Betrieb genommen. Aufnahme fanden hilfsbedürftige Kinder und Erwachsene mit dem Ziel, sie "in einer öffentlichen Anstalt zu vereinigen, was eben so wohl die zweckmäßigste Verwendung des Almosens zu sichern, als auch die angemessenste Geldersparung herbeizuführen versprach."

Arbeitslose, aber auch als arbeitsunfähig geltende Erwachsene wurden wie die Kinder entsprechend ihren Möglich- und Fähigkeiten zu Garten- und Hausarbeiten im Sinne der Selbstversorgung herangezogen. Arbeiten verschiedenster Auftraggeber wurden gegen Entgelt von den Pflegehausbewohnern erledigt, vor allem Spinnen, Aufzupfen von Pferdehaaren, Verlesen unterschiedlichster Waren, Spulen von Seide und Baumwollgarn, Feld- und Gartenarbeit, Instandhaltung städtischer Wege, Klempner-, Tischler-, Maurer-, Schlosser-, Wäsche- und Schuhmacherarbeiten. Auch die Kleidung wurde selbst geschneidert und, worauf man besonders stolz war, das Bekleidungsmagazin der Armenanstalt fast gänzlich durch das Pflegehaus versorgt.

Aber das Pflegehaus war mehr als ein Arbeitshaus: Die Pflege kranker und alter Bewohner gehörte ebenso zu den Aufgaben der gesunden Bewohner wie die "Wartung der Kinder" durch die Frauen im Haus. Die Kinder erhielten zudem 18 Stunden wöchentlich Unterricht durch den Pastoren Oberhey und zwei Armenschullehrer, die Brüder Hustedt: Religion, Gesang, Lesen, Schreiben, Rechnen, Orthographie und Geographie standen auf dem Stundenplan. Und das mit Erfolg: Die Kinder aus dem Pflegehaus wurden nach ihrer Entlassung als Handwerkslehrlinge und Dienstboten "zur größten Zufriedenheit ihrer Brotherren" tätig.

Ursprünglich für 80 Kinder und ebenso viele Erwachsene geplant, reichte das Pflegehaus schon bald nicht mehr aus. Räumliche Enge und negative Einflüsse vor allem der männlichen Bewohner auf die Kinder stellten nach Meinung der Verantwortlichen den erzieherischen Erfolg in Frage. 1842 wurde deshalb ein zusätzliches Armenhaus auf dem inzwischen erweiterten Grundstück (heute Goslarsche Straße 93) eröffnet, das der Unterbringung armer, alter und kranker Frauen und Männer diente. Auch "gebrechliche und nichtsnutzige Menschen" (so das Braunschweigische Magazin am 22. Juni 1844) aus den dann geschlossenen Armen- und Siechenhäusern auf dem Klinte und zu St. Leonhard wurden aufgenommen. 

Statt - wie bisher - Kranke ins Herzogliche Armenkrankenhaus an der Wendenstraße zu überweisen, begann man aus Kostengründen seit 1859 im Pflegehaus mit einer eigenen städtischen Krankenpflege. Dies führte erneut zu Raumproblemen. 1878 wurde im rechten Winkel zum Pflegehaus ein dreigeschossiger Backsteinbau errichtet, ein Armen- und Pflegehaus für Frauen, das aber seit 1880 mehr als Krankenhaus genutzt wurde.
Robert Müller, der ebenso wie Dr. Benno von Holwede 1895 als Arzt in den Dienst der Anstalt trat, beschrieb den Zustand in diesem Haus 1927 rückblickend: "Sieche, Gebrechliche, Geisteskranke, Kinder, Greise, Arbeiterinnen - alles bunt durcheinander. Hier eine Plättestube, dort ein Krankenzimmer. Es fehlte nicht ein Betsaal mit einer Orgel, die nur von Männern mit besonders kräftigen Gliedmaßen zum Tönen gebracht werden konnte und auch dann noch oft versagte. Auch wurde darin Gemüse geputzt, genäht und gewirtschaftet... Aborte nur in den Obergeschossen, unten ging man, ‘über den Hof’... Von Badezimmern keine Spur. Ofenheizung... Die Einrichtungen für Krankenpflege bestanden entweder gar nicht oder wurden behelfsmäßig irgendwo vorgenommen. Man schaudert, wenn man aus der heutigen Zeit der aseptischen Operationssäle an die damaligen chirurgischen Eingriffe denkt. Sie wurden in einem Zimmer gewagt, das Ärzte- und Wärterzimmer zugleich war."

Unter widrigen Umständen (oberste Devise des Magistrats war Sparsamkeit) machten sich die im Haus tätigen Ärzte daran, Bedingungen für einen zeitgemäßen Krankenhausbetrieb zu schaffen. Zunächst übernahmen Schwestern vom Roten Kreuz die Krankenpflege. Elektrische Apparaturen und ein Telefonanschluss wurden installiert. Sieche und Kranke, Frauen, Männer und Kinder konnten nach und nach räumlich getrennt untergebracht werden. Sanitäre Neuerungen wie Warmwasser und Wasserklosett kamen hinzu. 

Benno von Holwedes besonderes Interesse galt der Erforschung von Kinderkrankheiten, der Bekämpfung der Kindersterblichkeit. Schon beim Naturforscherkongress 1897 berichtete er, dass Einrichtungen zur Aufnahme von fünfzehn kranken Säuglingen und Kleinkindern geschaffen wurden.
Eine Typhusepidemie im Jahr 1903 beschleunigte den Prozess der Umwandlung in ein Krankenhaus, der allerdings durch die räumlichen Beschränkungen gehemmt wurde. Um 200 an Typhus erkrankte Kinder behandeln zu können, mussten Baracken auf dem Gelände aufgestellt werden.
Erst im Jahr 1904 entspannte sich die Situation, als das Kinderheim mit insgesamt 237 Plätzen eingeweiht wurde. Dr. Benno von Holwede in seiner Eröffnungsrede: "Es ist ein stattlich Heim geworden - nicht nur einfach ein Haus!" 

Das Krankenhaus konnte nun weiter ausgebaut werden - unterbrochen durch zwei Weltkriege, wirtschaftliche und politische Krisen. 1927 hatte das Krankenhaus eine Aufnahmekapazität für 304 PatientInnen, die Heime für 450 Pfleglinge.

Erst die positive wirtschaftliche Entwicklung in den 1950er Jahren ermöglichte eine vollständige Umwandlung des Gebäudekomplexes in ein Krankenhaus.
Ganz im Sinne Holwedes wurde eine Kinderklinik, das Elly-Heuss-Knapp-Haus, auf dem Grundstück errichtet und 1954 eröffnet.

1956 verließen die letzten Kinder das 1904 eröffnete Kinderheim.
Als dann 1959 das alte Pflegehaus abgerissen wurde, war damit das Kapitel der Armenpflege in der Geschichte des Klinikums Holwedestraße abgeschlossen.

Heute verfügt das Krankenhaus Holwedestraße über 326 Betten und ist Teil der Städtische Klinikum Braunschweig gGmbH. Im Zuge des Zwei-Standorte-Konzeptes sollen bis 2023 zwei große medizinische Zentren in der Celler Straße und der Salzdahlumer Straße entstehen, was das Ende des Klinikums Holwedestraße bedeutet.